Traditionelle Europäische Medizin (TEM): Bitterstoffe

Aktualisiert: 19. Sept 2020

Bitterstoffe sind in der volkstümlichen Medizin durchaus weit verbreitet, wohingegen sie in der wissenschaftlich fundierten Behandlung kaum eine Rolle spielen. Der Geschmack der aufgenommenen Nahrung beeinflusst nicht ausschließlich die Wahrnehmung unserer Geschmacksknospen, sondern auch viele andere Bereiche. Nahrungsmittel und insbesondere auch darin enthaltene Bitterstoffe bewirken im gastrointestinalen Trakt (GIT) eine Vielzahl an metabolischen und endokrinologischen Effekten. Die aufgenommenen Substanzen aktivieren verschiedenste Rezeptoren und stimulieren unterschiedlichste Prozesse. Durch Agonisten dieser Rezeptoren werden verschiedene Hormone freigesetzt bzw. Reaktionen in Gang gesetzt, die in den Stoffwechsel des Körpers eingreifen und diesen steuern. Dadurch kann vieles beeinflusst werden, beispielsweise die Nahrungsaufnahme, das Sättigungsgefühl, die Effizienz der Verdauung, etc. Die richtige Ernährung kann somit stark zum Gesundheitszustand eines Körpers beitragen. Schlechte Ernährung prädestiniert die Entstehung einiger Krankheiten, z.B. Diabetes mellitus Typ-2, Fettleibigkeit, Hypercholesterinämie, etc.


Was sind eigentlich Bitterstoffe und worin sind sie enthalten?


In der TEM werden Bitterstoffmittel meist aus Pflanzen gewonnen. Sehr viele Pflanzen beinhalten Bitterstoffe. Hier einige Beispiele: Die Artischocke, das Benediktenkraut, der Bitterklee, die Bitterorange, die Chinabaumrinde, der Galgant, der Enzian, der Ingwer, der Löwenzahn, die Schafgarbe, das Tausendgüldenkraut, das Wermutkraut, etc.

Phytotherapeutische Bitterstoffe sind Zubereitungen aus Pflanzen, deren Wirksamkeit auf dem wahrnehmbaren bitteren Charakter beruhen. Die Mittel werden in der Regel durch einen einfachen galenischen Prozess erstellt, beispielsweise Drogenpulver, Tees oder Tinkturen. Bitterstoffe sind chemisch uneinheitliche, in ihrer Struktur differente Wirkstoffe. Diese Substanzklasse wird eingeteilt in terpenoide und nicht terpenoide Amara. Zu den Monoterpenen (z.B. Eugenol in Gewürznelken) und Sesquiterpenen, oftmals inklusive Lactonstruktur (z.B. Cnicin im Benediktenkraut) gehört der größte Anteil der Amara. Nicht terpenoide Bitterstoffe können Alkaloide (z.B. Chinin in der Chinarinde), Aminosäuren (z.B. L-Tryptophan in der Kakaobohne), Flavonoide (Naringin in der Orange), Glykoside (z.B. Glucotannin in Gewürznelken) oder Zucker (z.B. Gentianose in Enzian) sein. Trotz der enormen Differenzen in der chemischen Strukturierung der Bitterstoffe ist eine Zusammenfassung legitim, da sich die Wirkungen der Agenzien im Allgemeinen gleichen.

Bitterstoffe werden gemäß verschiedenen Eigenschaften eingeteilt und gegliedert. Ein Unterscheidungsmerkmal bildet der Bitterwert. Dieser Wert wird sensorisch ermittelt, das Verfahren hierzu wird im Europäischen Arzneibuch beschrieben: „Als BW wird der reziproke Wert jener Verdünnung einer Verbindung, einer Flüssigkeit oder eines Extrakts verstanden, die eben noch bitter schmeckt. Zum Vergleich dient Chininhydrochlorid, dessen BW mit 200 000 festgesetzt wird.“ (Europäisches Arzneibuch, 2017). In bereits sehr geringen Mengen wird der bittere Geschmack wahrgenommen. Ein BW von 100 gibt an, dass 10 mg Droge bzw. Substanz in 100 ml gerade noch als bitter wahrgenommen wird.

Zudem können phytotherapeutische Bittermittel nach ihren sensorischen Qualitäten und zusätzlichen Wirkstoffen unterschieden werden. Die pflanzlichen Erzeugnisse haben einen Vielstoffcharakter und entwickeln so ein breites Spektrum an Effekten. Insofern die richtigen Pflanzen ausgewählt werden, kann trotzdem die Wirkung von Bitterstoffen im Vordergrund stehen.


Wie wirken Bitterstoffe?


Bitter ist eine der fünf Geschmacksqualitäten und wird von der Familie der Taste Receptor 2 (TAS2R) wahrgenommen. TAS2Rs sind G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (GPCR) und kommen in beinahe jeder Geschmacksknospe vor. Außerdem kommen TAS2Rs nicht nur in oralen sondern auch in extra-oralen Geweben vor (z.B. im GIT in Paneth-Zellen, Bürstenzellen und enteroendokrinen Zellen; respiratorischen Geweben; etc.). Bitterstoffe stimulieren demnach nicht nur ein bitteres Geschmacksempfinden in der Geschmackswahrnehmung, sondern lösen eine Vielzahl an Effekten aus.


Der GIT ist ein sensorisches Organ, welches auf ein komplexes Spektrum von Einflüssen in seinem Inneren reagiert. Dazu gehören Nährstoffe und Nicht-Nährstoffe, mechanische Faktoren und Mikroorganismen. Die molekulare Wahrnehmung durch GIT-Zellen spielt eine maßgebliche Rolle bei der Verdauung. In der Regulierung des GIT sind viele hormonelle und neuronale Prozesse beteiligt. In diesem Artikel wird nur ein kleiner Ausschnitt näher behandelt. Nachfolgend sind verschiedene Hormone des menschlichen Körpers, deren Auswirkung auf den Metabolismus und die damit verbundene Wirkung von Bitterstoffen aufgelistet :


  • Cholecystokinin (CCK) („Sättigungshormon“): CCK hemmt die Verdauung im Magen. Außerdem stimuliert es den exokrinen Pankreas, es kommt zur Sekretion von Verdauungsenzymen. Zusätzlich kontrahiert die Gallenblase. Bitterstoffe bewirken eine Steigerung der CCK-Freisetzung, dies bewirkt eine Reduktion der Kalorieneinnahme. Des Weiteren kommt es zu einer Gallenblasenkontraktion. Cholesterin wird hauptsächlich über die Galle ausgeschieden, daher liegt die Vermutung nahe, dass Bitterstoffe den Cholesterinspiegel und generell die Lipidkonzentration im Körper senken.


  • Ghrelin („Hungerhormon“): Wird bei Nahrungsmangel abgegeben und bewirkt im Hypothalamus die Freisetzung von Neuropeptid Y, dieses hat orexigene Wirkung und stimuliert somit Appetit und Nahrungsaufnahme. Der Parasympathikotonus wird erhöht, der Energieverbrauch gesenkt. Bitteragonisten bewirken erhöhte Spiegel an Ghrelin. Zunächst führt das zu einer Steigerung der Nahrungsaufnahme und einer effizienteren Verdauung. Gefolgt wird dieser Effekt von einer länger andauernden Senkung der Nahrungsaufnahme und der Magenentleerungsrate. Adipositas bildet daher eine mögliche Indikation von Bitterstoffen.


  • Glucagon-like-Peptide-1 (GLP1): Die Insulinfreisetzung wird durch GLP1 gesteigert. Die Glukagonfreisetzung, die Magenmotilität und die Darmmotilität werden herabgesetzt. Außerdem ist GLP1 beteiligt an der Entstehung des Sättigungsgefühls. Bitterstoffe erhöhen die GLP-1 Sekretion und fördern somit die Insulinsekretion. Daraus ergibt sich, dass eine Minderung von Diabetes mellitus Typ-2 durch die Zufuhr von Bitterkomponenten zu erwarten ist.


Was sind die traditionellen Anwendungsgebiete von Bitterstoffen?


Bitterstoffe sind wichtiger Bestandteil der Traditionellen Europäischen Medizin. Die Anwendungsgebiete belaufen sich auf die Entgiftung der Leber und damit verbundene Durch-Schlafstörungen. Des Weiteren auf Heiß-Hunger Attacken speziell für Süßes, die generelle Anregung des Gemütes sowie die Unterstützung der Verdauung und mehr.


Wie kann ich Bitterstoffe zu mir nehmen?


Bitterstoffe sollten durch eine gesunde Ernährung in den Körper aufgenommen werden. Dies ist durch die heutige Ernährung und das herauszüchten der Bitterstoffe aus unseren Lebensmitteln fast unmöglich. Um eine angemessene Menge an Bitterstoffen zu konsumieren, könnten einerseits bitter-Kräuter selbst gepflückt und zum Verzehr vorbereitet werden oder andererseits können qualitativ hochwertige Produkte (z.B. das Bitterstoffelixier oder die Mariazeller Magentropfen in unserem Shop) als Supplementation genutzt werden.


Quellen:

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  • PRENTNER, A. 2017. Heilpflanzen der Traditionellen Europäischen Medizin Wirkung und Anwendung nach häufigen Indikationen : mit zahlreichen Abbildungen und Tabellen.

Titelbild von: anonym (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Braunschweig_Botanischer_Garten_Artischocke.JPG), „Braunschweig Botanischer Garten Artischocke“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode


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